„Zwei Nonkonformisten“

Mai 18, 2019 3 Minuten Lesezeit

Das Designerduo ist umgezogen. Vom kleinen Atelier mit Showroom im Schutz der Brückenstraße, wenige Meter weiter in einen lichtdurchfluteten Eckladen in der belebten Walter-Kolb-Straße. Die Kollektionsstücke wurden akribisch an schlichte silberne Kleiderstangen gehängt, die Mitte des Raums dominiert eine eigens entworfene Lichtinstallation. Der Blick schweift über die große Glastheke, dahinter Nähmaschinen, Stoffbahnen, Garne und Schneiderpuppen, die Mode von ‚leonid matthias‘ wird hier entworfen, zurechtgeschnitten und genäht. Detailverliebt und alles andere als herkömmlich sind die Entwürfe des jungen Labels, mehr als außergewöhnlich sind die kantig geschnittenen Kleider und Röcke, Handtaschen mit Bildanhängern oder Ketten aus Soja-Sossen Fischen. So nonkonform wie die Mode sind auch die Lebenswege der jungen Designer. Leonid Sladkevich, der kreative Teil des Duos, geboren und aufgewachsen in Russland, jüdische Abstammung und das Gesicht der Ausstellung „Ausgerechnet Deutschland! – Jüdisch-Russische Einwanderung in die Bundesrepublik“ im Jüdischen Museum in Frankfurt. Durch sein Portrait auf den Ausstellungsplakaten erlangten er und das Label viel Aufmerksamkeit, erzählt Leonid. Dass man mit einem Migrationshintergrund auf erhebliche Hürden stößt, erfuhr Leonid Sladkevich in seiner Ausbildung zum Schneider. Mitschüler schickanierten den ruhigen, jungen Mann wegen seiner russischen Herkunft und seines Akzents. „Als Ausländer in Deutschland reicht es nicht nur gut zu sein, man muss der Beste sein und sich stets aufs Neue beweisen.“ Unterstützung und Lob für seine kreativen Entwürfe bekam er aber von den Ausbildern. Sein Ehrgeiz und seine Kreativität wurden belohnt: gleich nach der Ausbildung erhielt er die Auszeichnung zum besten Nachwuchsdesigner Deutschlands. Doch nicht überall stieß Sladkevich auf sofortige Anerkennung. Im Studium zum staatlich anerkannten Designer waren die unkonventionellen Schnitte nicht immer gerne gesehen. „Die ganze Zeit klopfte mir jemand auf die Finger, ich solle doch konventioneller sein. Aber gleichzeitig wurde mir immer wieder gesagt, man kann nur Mode machen, wenn man etwas zu sagen hat und innovativ ist.“ Leonid blieb unkonventionell. Gut so, denn nur deswegen bekam er Jobangebote namenhafter Designer. Sein Wesen ist durch seine Kindheit in Russland geprägt, er spricht ruhig, mit leichtem Akzent, ein höflicher, zurückhaltender und besonnener Mensch. In seiner Mode lebt er sich aus. Er verarbeitet feinste Stoffe und kombiniert diese mit Plastik, Kunstperlen oder den Plastikfischen, die Sushi-Menüs beiliegen. „Ich habe bereits mit fünf Jahren angefangen zu nähen. Die Kleidung meines Teddybären war gerissen, und aus Materialnot nutzte ich Gemüseschalen, sammelte alte Regenschirme und vernähte sie zu Kleidung. Meine Eltern bemerkten schnell meine kreative Ader und schenkten mir eine Puppe, für die ich fortan nähte. Bereits hier lernte ich, was es heisst, anders zu sein und mit Konkurrenz umzugehen. Ich musste mich als Junge in dieser Mädchenwelt beweisen.“ Oftmals unterschätze man die Russen und ihre Kultur, sagt Leonid Sladkevich. Opernbesuche, Theater und Vernissagen gehörten zu seinem Alltag in Russland. „Das prägt mich noch heute.“ Matthias Gruners Weg war nicht ganz so vorgezeichnet. Er stammt aus Dresden. Als ambitionierter Windsurfer stand sein Berufswunsch schnell fest: Segelmacher. In Deutschlands einziger Segelmacherei in Hamburg begann er ein Praktikum, um ernüchtert festzustellen, es schwierig ist in der kleinen Branche Fuß zu fassen. „Schweren Herzens“, sagt Matthias, „wechselte ich zur Damenmaßschneiderei. Und damit nach Frankfurt.“ Dort kreuzten sich die Wege der beiden durch Zufall. Leonid Sladkevich hatte seine Zelte in Deutschland bereits so gut wie abgebrochen und wollte sich in Bulgarien als Designer niederlassen. Kurz vor Abreise lernte er Matthias Gruner kennen. Spontan wurde der Entschluss gefasst, zusammenzuarbeiten – als ‚leonid matthias‘. „Als ich Leonid kennenlernte, merkte ich schnell, dass ihm nur eines fehlte. Jemand, der ihn in seinen gestalterischen Sphären fliegen lässt und gleichzeitig den Kontakt zum Boden sichert“, erzählt Gruner. „Ich sehe mich als Unternehmer, meine Aufgabe ist es, den Überblick zu behalten, unvoreingenommen, bodenständig und neutral die Geschäfte zu leiten. Leonid ist der Visionär, er ist losgelöst von allen Zwängen und kann in seiner Phantasie schwelgen“. Derzeit wird an der neuen Kollektion gearbeitet, Ideen hat Leonid genug, „Es gibt Tage, da platzt mein Kopf fast vor lauter Ideen und mir fehlt die Zeit, alle umzusetzen. Verkaufsschlager ist das Wendetuch „Siesta“ – eine Seite ist laut und bunt, die andere sehr schlicht. Multifunktional einsetzbar als klassischer Schal, als Turban, Stola oder als Wickelrock. Die ausgefallenen Modelle ziehen Kunden zwischen 16 und 60 Jahren an, beide wünschen sich aber, dass die Menschen in Frankfurt noch mehr aus sich herauskommen. „Frankfurt ist nicht nur Bankenstadt, sondern auch ein Schmelztiegel der Kulturen, da wird es Zeit, dass sich die Menschen nicht an den städtischen Firmendresscode anpassen, sondern die modische Vielfalt die Stadt koloriert.“ Bis es soweit ist tragen die beiden Nachwuchsdesigner schon mal an den Farbtupfern von morgen. von Judith-Christina Pierau


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